Zum Inhalt springen

EMTC Workshops – die Modezeichung

Der erste Arbeitstag des European Master Tailor Congress war der Fortbildung und praktischen Übung gewidmet. Die Teilnehmer konnten aus einem Dutzend Kurse und Workshops aussuchen, in welcher Fachrichtung sie ihre Kenntnisse vertiefen wollten. Wir haben – exemplarisch für das breite Angebot! – einige Workshops besucht, die in den Schulräumen der BFS Basel stattfanden.

Bernadette Gürber -Modezeichnen

Ziel von Bernadette Gürbers Vortrag war es, das Thema der Modezeichnung geschichtlich einzubetten und so ein Verständnis für die Funktion der Darstellung von Bekleidung zu schärfen. Wie wurden in früheren Zeiten Kleider dargestellt? Wie hat sich dies im Laufe der Jahrzehnte verändert? Und wozu braucht es heute noch eine Modezeichnung, wenn man heute so einfach wie nie ein Foto machen kann?

Anhand historischer Beispiele zeigte Bernadette Gürber, dass die Darstellung des Kleides immer schon eine zentrale Funktion hatte, um Geschichten über Menschen zu erzählen bzw. um Macht und Hierarchien abzubilden. So wurde das Faltenspiel schon bei den alten Griechen sehr sorgfältig nachgebildet. Ein byzantinisches Mosaik aus Ravenna zeigt den Kaiser mit einem purpurroten, knöchellangen Mantel. Schon um 1400 wurden die Silhouetten der dargestellten Berühmtheiten in die Länge gezogen, um ihrer Gestalt mehr Ausdruck zu verleihen.

Bernadette Gürber schilderte, dass man einst anhand der Darstellung der Stoffe mass, wie gut ein Maler sein Handwerk beherrschte. Als gelungenes Beispiel hierfür zeigte sie etwa ein frühes Selbstbildnis von Albrecht Dürer von 1497, das den Maler in einem losen Hemd zeigt oder ein Doppelbildnis von Lucas Cranach, in dem die Kleidung sehr vieles über den Stand der dargestellten Personen aussagt. Auffallend: Früher waren es meistens die Herren, die den ganz grossen Putz mit Spitze, Brokat und Stickereien trugen, wogegen die Damen vergleichsweise schlicht gekleidet waren – man denke an das bekannte Bildnis Ludwigs XIV in weissen Seidenleggings und blauem Samtmantel mit Hermelinfutter.

Zur Jetztzeit fanden die Teilnehmer über frühe Karikaturen, welche Stutzer, Merveilleuses und Incroyables zeigten oder George Bryan Brummell (der erste grosse Dandy!). Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein war die zeichnerische Darstellung des Kleides für die Mode- und Medienbranche von grösster Bedeutung – erst ab etwa 1930 übernahm die Modefotografie das Zepter und zwang die Illustratoren dazu, sich neu zu erfinden. Die meisten wandten sich von der davor üblichen, exakten Darstellung des Kleides ab und gingen dazu über, mit ihrer Arbeit das Zeitgefühl einzufangen, indem sie abstrahierten, stilisierten und überzeichneten.

Der Meister aller Meister war nach Ansicht von Bernadette Gürber der Franzose René Gruau, der mehrere Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts illustrativ begleitete. Doch natürlich durfte auch Antonio Lopez nicht fehlen, dem Meister der siebziger und achtziger Jahre, oder sein Zeitgenosse Tony Viramontes. Mit François Berthoud, Mats Gustafson, oder Lorenzo Mattotti wurden weitere relevanten Grössen des Fachs gestreift. „Heute sind Zeichnungen kaum noch Entwurfsskizzen, sondern oft karikatureske, verzerrte und witzige Darstellungen des Zeitgeistes“, schloss Bernadette Gürber ihre Ausführungen und zeigte dazu Illustrationen von David Downton, Julie Verhoeven oder Jean-Philippe Delhomme.

In einem kurzen, praktischen Teil hatten die TeilnehmerInnen noch Gelegenheit, mit Hilfe vorgefertigter Figurinen selbst ein paar flotte Striche zu Papier zu bringen.

Bisher keine Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: