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Die Niederlande kämpfen ums Handwerk

Nelleke Rimmelzwaan aus Alphen a/d Rijn (NL) ist seit jungen Jahren passionierte Näherin, seit 1995 selbständige Schneiderin und heute Vorsitzende der Niederländischen Branchenvereinigung der Modehandwerke (BMA).

Text: Jeroen van Rooijen

EMTC: Nelleke Rimmelzwaan, wie geht es Ihnen, woran arbeiten Sie gerade?

Nelleke Rimmelzwaan: Ich habe gerade ein tolles Hochzeitskleid fertiggestellt und arbeite nun an einem schönen Massanzug für einen Kunden, der ein besonderes Ereignis feiert. Leute mit aussergewöhnlichen Proportionen – davon haben wir in den Niederlanden recht viele! – kommen regelmässig zum Schneider, darüber hinaus fertige ich Tageskleider und Haute Couture.

Haben Sie genügend Kundschaft?

Es ist gerade recht anspruchsvoll. Wir kämpfen mit der wirtschaftlichen Krise im vereinten Europa. Die meisten meiner Kollegen sind Selbständige ohne Angestellte und nähen für Modedesigner. Etliche Kollegen haben auch einen zweiten Job, um Geld dazu zu verdienen, sei es etwa als Lehrer.

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Also steht es nicht zum Besten mit dem Modehandwerk in den Niederlanden?

Zwar ist das Nähen in den Niederlanden ein beliebtes Hobby, aber das Ansehen unseres Handwerks ist leider dennoch auf einem historischen Tiefstand. Die Leute kaufen lieber robuste Kleidung von der Stange, nach dem Motto: ,Zieh Dich normal an, das ist verrückt genug.‘ Es hat aber auch stark mit den dezimierten Ausbildungsmöglichkeiten zu tun, die nicht mehr den zeitgenössischen Erwartungen und auch nicht mehr dem Qualitätsstandard entsprechen, den man einst hatte. Anders gesagt: Wer sich noch für den Beruf interessiert, muss private Ausbildungsstätten besuchen.

Wieso ist das passiert?

Vor 25 Jahren gab es noch offizielle Ausbildungswege und Schulen, da ist aber in den letzten Jahrzehnten viel weggebrochen und umstrukturiert oder auch einfach gestrichen worden. Die handwerkliche Ausbildung ist im Zuge von Schul-Reorganisationen verschwunden. Heute gehen auszubildende Schneider hauptsächlich in die Schule und machen noch eine Art von handwerklichem Praktikum in einem Atelier. Die Lehrlinge bekommen also viel strukturelles und geschäftliches Rüstzeug mit, aber kaum noch das Handwerk an sich.

Gibt es Perspektiven, das wieder zu verbessern?

Man will zwar nun wieder vermehrt Handwerk ausbilden, aber stellt auch fest: Die Fachleute, welche es noch vermitteln können, sind ergraut, pensioniert oder bereits verstorben. Deswegen haben wir eine Imagekampagne gestartet, die dem Modehandwerk wieder zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen soll.

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Wie sieht diese Imagekampagne konkret aus?

Wir versuchen, die Schulen zu motivieren, sich an Modeschauen mit Vergleichsmodellen zu beteiligen. Sie bekommen von uns Stoffe zur Verfügung gestellt. Wir machen das inzwischen mit ein paar Dutzend Schulen landesweit und hoffen, dass dadurch die jungen Leute zwischen 12 und 16 Jahren wieder Interesse an unserem Handwerk bekommen. Das grösste Talent bekommt die Young Tailor Talent Trophy, die vielleicht später ein Schritt in Richtung einer Karriere sein kann.

Gibt es in den Niederlanden noch Schulen, die noch explizit das Schneiderhandwerk unterrichten?

Neuerdings gibt es wieder eine, ja. Eine private Schule mit einer Ausbiludng zum Meisterschneider wurde vor nicht allzu langer Zeit in Amsterdam gegründet und wird durch renommierte Fachleute wie Mart Visser, Frans Molenaar oder Jan Taminiau unterstützt. Mit ihrer Hilfe versuchen wir, das Handwerk wieder zum Leben zu erwecken. Die Schule wird auch unterstützt von Theatern, die ebenso gute Schneider brauchen.

Das klingt vielversprechend – was sind die Nachteile?

Die Ausbildung an dieser privaten Schule ist heute leider recht teuer. Das leisten sich nur Leute, die es auch zahlen können, und das ist schade, weil viele Talente, die fachlich gut, aber nicht finanzstark genug sind, ihre Chance nicht bekommen. Ich würde es daher begrüssen, wenn Privatschulen mit den öffentlichen Instituten zusammenarbeiten, um diese Nachteile zu kompensieren.

Sie kommen zum EMTC 2014 in Basel und werden auch eigene Kreationen zeigen, ausserdem auch Schuhe und Taschen von Lederspezialisten, die heute auch zu Ihrem Verband gehören. Was macht für Sie den Reiz das Kongresses aus?

Ich finde es immer wieder bereichernd, mich mit internationalen Kollegen auszutauschen und zu netzwerken. Die Gespräche sind für mich als Selbständige, die meistens allein im Atelier arbeitet, sehr stimulierend.

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http://nellekescouture.nl/ oder http://modeambachten.nl

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