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«Die Leute sehnen sich nach Alternativen zu ‚Made in Fernost’»

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Wie geht es eigentlich dem Schneiderhandwerk in Deutschland, unserem grossen Nachbarn im Norden? INGE SZOLTYSIK-SPARRER, Vorsitzende des deutschen Bundesverbandes für Massschneider, wittert Morgenluft für das Handwerk. Sie arbeitet in einem eigenen Atelier in Hagen, fertigt Damen- und Herrenmassbekleidung und beschäftigt vier Mitarbeiterinnen.

Jeroen van Rooijen: Frau Szoltysik-Sparrer, wie steht es um Ansehen und Verbreitung des Schneiderhandwerks in Deutschland?

Inge Szoltysik-Sparrer: Ich bin nun seit 34 Jahren selbständig tätig und stelle einen Wandel fest, was die Wahrnehmung unseres Handwerks betrifft. Es gibt einen positiven Imagewandel, allerdings ist es von Generation zu Generation verschieden. Ältere Menschen zwischen 60 und 80 kennen das Schneiderhandwerk noch von früher und wissen es zu schätzen. Danach gab es einen Einbruch, bei diesen Generationen hat das Ansehen des Handwerks gelitten. Heute wird die Schneiderei wieder anders gesehen und geschätzt. Das hat in jüngsten Jahren zu einem Imagegewinn geführt.

Was sind die Gründe dafür, dass das Schneiderhandwerk wieder positiver gewertet wird?

Es gibt in der Gesellschaft einen starken Trend zur Individualisierung. Die Leute sehnen sich nach Alternativen zu ‚Made in Fernost‘. Sie sind es satt, wegen der Kleidung, die sie tragen, ein schlechtes Gewissen zu haben. Hier leisten wir Schneider auch ein Stück Bewusstseinsarbeit. Wir müssen die Menschen aufklären. Wir lenken die Aufmerksamkeit weg vom Konsum hin zu Investition. Mit jedem Kleidungsstück, das wir fertigen, schaffen wir Humanwerte, die bei den Kunden einen steigenden Stellenwert haben. Die Leute wollen Einblicke in die Produktion haben und wissen, was gekauft wird. Das Bedürfnis nach einem Unikat ist verbreitet. Jeder will einzigartig sein – wir können es anbieten.

Es gibt aber auch viele Menschen, denen die Masschneiderei nicht recht geheuer ist, weil die Arbeit teuer ist und das Ergebnis nicht den allerletzten modischen Schliff hat. Wie überzeugen Sie solche Nichtkunden von Ihren Dienstleistungen?

Ich spreche oft mit Menschen, die sagen, dass sie gut mit Konfektion zurechtkommen – das kann ich akzeptieren. Ich erlebe aber auch immer wieder, dass die Leute mit einem Kleidungsstück von der Stange zu uns kommen, weil sie etwas an dessen Qualität beanstanden. In solchen Situationen ist es wichtig, dass ein Atelier sein Alleinstellungsmerkmal herausstellt und es schafft, den Menschen abzuholen. Wir können immer mit guter Beratung und Betreuung punkten, weil es diese im Einzelhandel kaum noch gibt.

Gibt es noch Stammkunden, die sich ihre Kleidung aus Prinzip auf Mass nähen lassen, oder leben Sie heute vielmehr von Gelegenheitskunden?

Nur etwa zwanzig Prozent unserer Kunden sind Stammkunden, mit Ihnen erwirtschaften wir aber achtzig Prozent unseres Umsatzes. Die anderen sind jene, die einmal kommen, sei es für ein besonderes Ereignis, und die man danach erst in ein paar Jahren wiedersieht. Manche Kunden machen es auch nur ein einziges Mal im Leben. Doch auch diese sind eine wichtige Zielgruppe. Sie erzählen anderen wieder von ihrem Erlebnis beim Schneider und stimulieren so neue Kunden.

Was fertigen Sie heute hauptsächlich an?

Wir haben das zusammen mit der Handwerkskammer Dortmund genau untersucht und folgendes festgestellt: Bei den Herren ist es immer noch in erster Linie der Massanzug und ein Masshemd dazu, bei den Frauen ist das Kleid die Nummer Eins, gefolgt vom Kostüm, dem klassischen Hosenanzug, dem Blazer und dem Mantel.

Das Kleid ist derart wichtig? Dabei werden heute doch kaum noch Kleider getragen?

Für uns ist das Kleid sehr wichtig. Denn gerade das gut sitzende Kleid ist ein Produkt, das man im Handel ganz selten findet. Hier können Massschneider ihre Trümpfe ausspielen. Die Königsklasse unseres Handwerks ist ein ganz einfaches, anliegendes Kleid, das perfekt sitzt.

Nähen Sie manchmal auch modische Extravaganzen oder bevorzugen Sie die Klassik?

Man geht nicht zum Massschneider, um sich ein trendiges Teil für eine Saison machen zu lassen, das nur eine Saison hält. Besonderes trägt man einfach länger. Wir fertigen meistens Basisteile, die auch später noch angepasst werden können. Wir haben ja andere Nahtreserven als die Konfektion.

Wie traditionsversessen ist Ihr Gewerbe – pochen Sie auf Tradition oder sehen Sie auch Spielraum für eine Modernisierung des Schneiderhandwerks?

Bei aller Tradition, die das Handwerk ausmacht, dürfen wir uns der Moderne nicht verschliessen. Unsere Arbeitstechniken müssen bezahlbar sein. Wir müssen die Computer nutzen, wo sie unsere Arbeit erleichtern und die Effizienz steigern, ohne die Qualität zu mindern. Es gibt zudem viel mehr Überschneidungen zwischen der Damen- und Herrenschneiderei. Seit der Handwerksreform 2004 gibt es den spezifischen Massschneider für Frauen oder Männer gar nicht mehr, sondern nur noch die einheitliche Berufsbezeichnung Massschneider, dafür aber neu auch den Änderungsschneider, der auch eine qualifizierte Ausbildung braucht.

Wie steht es um den Nachwuchs – finden sich noch genügend junge Menschen in Deutschland, die den Beruf des Schneiders erlernen wollen?

Oh ja. Es gibt permanent mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. Wir haben sehr viel Nachfrage von jungen Leuten, die motiviert und interessiert sind und es tut mir oft  leid, dass wir viele nicht weitervermitteln können. Leider hat auf Seite der Betriebe die Bereitschaft nachgelassen, noch Leute auszubilden. Das hat zum Teil mit den Strukturen zu tun, die erschwert wurden. Auszubildendemüssen jetzt zwei Tage pro Woche zur Schule, und diese Zeit fehlt dann im Betrieb. Saisonaler Blockunterricht könnte eine Lösung sein.

Bleiben die Leute, die heute eine Ausbildung zum Massschneider machen, später auch auf ihrem Beruf tätig?

Es ist eine Minderheit, die als Massschneider tätig bleibt und ein eigenes Atelier eröffnet. Viele sehen das Schneiderhandwerk als Sprungbrett für ein Modestudium.

Was erwarten Sie vom European Master Tailor Congress 2014 in  Basel?

Ich erhoffe mir, viele interessierte Leute anzutreffen und verspreche mir einen regen Erfahrungsaustausch. Die angekündigten Workshops sprechen mich sehr an, sie sind sehr neuzeitlich orientiert und stellt ein modernes Bild des Schneiderhandwerks dar. Ich bin absolut zukunftsorientiert und will Leuten begegnen, die das auch so sehen. Ich erhoffe mir von Basel also Impulse und Visionen. Ich möchte nicht an eine Veranstaltung gehen, wo nur gejammert wird über vergangene Zeiten, die scheinbar besser waren.

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Link zum deutschen Bundesverband der Massschneider: HIER

Link zu Inge Szoltysik-Sparrer: HIER

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